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Gut Hirschaue "Zwischen Preisverleihung & Personallücke"

GutHirschaue

Wer nach einem Gegenentwurf zur anonymen Lebensmittelindustrie sucht, landet früher oder später in Birkholz bei Rietz-Neuendorf: auf dem Gut Hirschaue. Der Bioland-zertifizierte Familienbetrieb, seit 1992 ökologisch geführt, vereint Tierhaltung, Ackerbau und handwerkliche Verarbeitung auf bemerkenswerte Weise – bis hin zur hofeigenen Fleischerei und Direktvermarktung. Auf rund 200 Hektar Freiwildgehege und weiteren Ackerflächen entsteht hier eine geschlossene Wertschöpfung: Futter wächst auf eigenen Feldern, Tiere werden artgerecht gehalten, vor Ort verarbeitet und anschließend über Hofladen, Märkte und Partner vertrieben. oekolandbau.de
 
Dass dieses Prinzip nicht nur romantische Landwirtschaftserzählung, sondern auch Innovation sein kann, zeigte 2025 der Brandenburger Innovationspreis: Ausgezeichnet wurde das Gut gemeinsam mit Projektpartnern für „reffiSchaf“ – ein Vorhaben, das eine regionale Wertschöpfungskette für Lamm- und Schaffleisch stärkt und mit neuen, attraktiven Produkten (bis hin zur Bio-Schafbratwurst) auch bislang wenig genutzte Teile besser verwertbar macht. mwaek.brandenburg.de
 

Alltag im Dilemma: Nachfrage, die wächst – und Hände, die fehlen 

Auszeichnungen wie diese befeuern, was auf dem Gut ohnehin längst Realität ist: Die Nachfrage nach den Produkten und nach genau diesem Handwerk ist groß. Viele Kundinnen und Kunden wollen wissen, woher ihr Essen kommt – und sie wollen Betriebe unterstützen, die Kreisläufe schließen, Transporte vermeiden und Verantwortung nicht auslagern. Auf Gut Hirschaue ist Transparenz kein Marketingversprechen, sondern Betriebsprinzip: vom Futter über Aufzucht und Haltung bis zur Verarbeitung und Vermarktung – alles greift ineinander.
 
Doch genau diese Ganzheitlichkeit ist zugleich die empfindlichste Stelle des Systems. Denn „alles an einem Ort“ funktioniert nur, wenn genug Fachkräfte da sind, die dieses „Alles“ tragen: auf dem Acker, im Stall, in der Verarbeitung, in der Logistik, im Laden. Und hier beginnt das Dilemma, das die Gebrüder Staar – die das Gut erfolgreich führen – am Montag im Gespräch mit dem Landrat Frank Steffen offen angesprochen haben: Der Betrieb könnte mehr leisten, mehr Nachfrage bedienen, mehr Wertschöpfung in der Region halten. Aber ohne Personal fehlt die Sicherheit für die nächsten Schritte.
 
So wird der Fachkräftemangel zur Investitionsbremse. Wichtige Entscheidungen – neue Technik, Erweiterungen, zusätzliche Verarbeitungskapazitäten, vielleicht auch eine stärkere Skalierung der „reffiSchaf“-Ideen – werden zurückgehalten. Nicht, weil der Markt fehlt. Sondern weil die Frage im Raum steht, wie lange der Betrieb das, was ihn ausmacht, authentisch aufrechterhalten kann. Wachstum um jeden Preis ist keine Option, wenn es am Ende die Arbeitsqualität frisst, die Tierhaltung unter Druck setzt oder die handwerkliche Sorgfalt verwässert.
 
Herr Staar brachte dabei auch einen harten Befund auf den Punkt: Der Berufsstand habe „wenig Chancen“ – zu wenig Nachwuchs, zu wenig gesellschaftliches Standing, auch für körperliche, verantwortungsvolle Arbeit, und zu wenige Menschen, die sich langfristig in solch anspruchsvollen Allround-Betrieben sehen. Das Gut lebt deshalb tagtäglich mit einem Spagat: Es will der Nachfrage gerecht werden, ohne sich selbst zu verlieren. Es will regional, handwerklich, glaubwürdig bleiben – und gleichzeitig resilient genug sein, um nicht am Personalmangel zu scheitern.
 
Gerade hier berührt das Thema einen größeren Nerv, den die Staar-Brüder im Gespräch ebenfalls anklingen ließen: Was passiert, wenn Lieferketten abbrechen – wenn große Industriepartner und zentrale Knoten (Molkereien, Großverarbeiter, Logistikketten) ins Stocken geraten? Wie wird Brandenburg dann versorgt? Die zugespitzte Frage ist kein Alarmismus, sondern eine nüchterne Resilienz-Debatte: Regionale Versorgung hängt nicht nur an Flächen und Tieren, sondern auch an Menschen, Know-how, Verarbeitung vor Ort – und an Strukturen, die nicht erst im Krisenfall aufgebaut werden können.
 
Dass es Lösungsansätze gibt, zeigt der Blick ins Verwaltungshandeln: Positiv wurde auf dem Gut die zügige Bearbeitung und die teils proaktive Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsamt hervorgehoben – insbesondere dann, wenn Umsetzungsverordnungen vorliegen und Prozesse klar sind. Und auch aus dem Landkreis kam ein Signal: Der Landrat versprach am 19.1.26, die geschilderten Punkte mitzunehmen und an den relevanten Stellen zu sensibilisieren – damit aus einem individuellen Betriebsproblem alsbald ein Thema regionaler Entwicklungspolitik wird.

Zwischen Preisverleihung und Personallücke liegt damit die eigentliche Aufgabe: aus Wertschätzung echte Rahmenbedingungen zu machen – damit „alles an einem Ort“ auch morgen noch möglich ist.

Datum: 21. Januar 2026